
Alfons Hargaßner, Geschäftsführer des Österreichischen Tierschutzvereins

OTS (Wien) Der Österreichische Tierschutzverein ist zutiefst erschüttert über die alarmierende Entscheidung der EU, den Schutzstatus des Wolfes – vor allem auf Betreiben Österreichs – von streng geschützt” auf geschützt” herabzustufen. Diese bedrohliche Wende ermöglicht in Zukunft die Bejagung von Wölfen. Diese Entscheidung steht im Widerspruch zum geltenden strengen EU-Schutz des Wolfes, der an die Berner Konvention gebunden ist – ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen zum Schutz bedrohter Tierarten.
Alfons Hargaßner, Geschäftsführer des Österreichischen Tierschutzvereins: „Wir fordern die Beibehaltung des strengen Schutzes des Wolfes in der Europäischen Union und setzen uns für ein besseres, wissenschaftlich begleitetes Wolfsmanagement in Österreich ein. Statt Abschüsse zu genehmigen, brauchen wir dringend einen Ausbau der Herdenschutzmaßnahmen, die von der EU bereits umfassend gefördert werden und funktionieren. Nur so können wir den Schutz des Wolfes und die Interessen der Landwirtschaft langfristig in Einklang bringen.“ Ziel ist ein möglichst konfliktfreies Miteinander. Dies rasch zu erreichen, liegt in der Verantwortung der Politik, auch weil das Wolfsmanagement in Österreich nach wie vor Ländersache ist.
Der Wolf, einst das am weitesten verbreitete Raubtier der nördlichen Hemisphäre, ist heute ein trauriges Symbol für unseren rücksichtslosen Umgang mit der Natur“, warnt Alfons Hargaßner. „Durch den Verlust ihres Lebensraums, Umweltverschmutzung und die Klimakrise sind in Österreich bereits über 300 Tierarten bedroht.“ Jetzt steht der Wolf wieder im Fadenkreuz, weil der Mensch ihn als Konkurrenten sieht. Und er ist nicht allein: Auch Goldschakal, Fischotter, Biber oder Graureiher – allesamt wichtige Arten im Ökosystem – gelten als lästige Störenfriede.
Der Wolf wird aus Österreich nicht mehr verschwinden, daher ist es an der Zeit, Wege zu finden, um konfliktfrei mit ihm zu leben. Von den rund 100 nachgewiesenen Wölfen in Österreich im Jahr 2023 waren etwa 50 sesshaft und rund 50 Durchzügler.
Die Dämonisierung des Wolfes als rücksichtsloser Schädling entspricht nicht der Realität. Der Fleisch- und Aasfresser ernährt sich zu über 90 Prozent von Reh-, Rot- und Schwarzwild. Als Nahrungsopportunist erbeutet er bei Gelegenheit auch Nutztiere. Laut „Österreichzentrum Bär-Wolf-Luchs“ hat der Wolf im Jahr 2023 österreichweit mindestens 460 Nutztiere gerissen. Zum Vergleich: Von den fast 75.000 Schafen auf Tirols Almen sterben jährlich fast 5.000 durch Vernachlässigung, Unwetter, Absturz oder Wilderei.
In Tirol wurden im Jahr 2023 bereits vier Wölfe erschossen – in Kärnten waren es sogar sieben. Diese Zahlen sprechen Bände über den Umgang mit dem Wolf. In Tirol, Salzburg und Kärnten ist der Abschuss die erste Lösung. Obwohl der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden hat, dass Wölfe in Österreich weiterhin nicht gejagt werden dürfen.
Und sie ignorieren eine grundlegende Tatsache: Wird ein Wolf abgeschossen, taucht bald ein neuer auf. Statt Einzeltiere vorschnell zu jagen, sollten wir stabile Rudel fördern, die wandernde Wölfe aus ihrem Revier fernhalten und die durch den Herdenschutz mit der Zeit lernen, Nutztiere zu meiden.
Viele Herdenschutzmaßnahmen, die einen effektiven Schutz der Weidetiere gewährleisten, werden von der EU bis zu 100 % gefördert. Diese Mittel werden in Österreich bisher kaum ausgeschöpft.
Die Entschädigungen für die Landwirtschaft scheinen hingegen bestens zu funktionieren. Laut dem Land Tirol wurden 2023 insgesamt „540 tote und vermisste Weidetiere im Zusammenhang mit Rissgeschehen durch Großraubtiere wie Wölfe entschädigt“. Die Zahl der Entschädigungen ist dabei höher als die der Risse. Denn in Tirol gibt es wie in Salzburg Kulanzregelungen: Eine Entschädigung erfolgt auch dann, wenn kein direkter Nachweis erbracht werden kann.
„Wir benötigen einen ganzheitlichen Ansatz, der Monitoring, Herdenschutz und Aufklärungsarbeit umfasst“, betont Alfons Hargaßner. „Wir müssen der Bevölkerung ein realistisches Bild vom Wolf vermitteln – auf wissenschaftlicher Grundlage, mit Fakten und ohne Populismus.“
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