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Kastration ohne Betäubung: So leiden Ferkel in Österreich

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So leiden Ferkel in Österreich
So leiden Ferkel in Österreich. / Quelle: Shutterstock

Eigentlich sollte das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln in Deutschland ab 2019 verboten werden. Jetzt hat die große Koalition das Verbot um zwei Jahre verschoben. Was viele nicht wissen: Auch in Österreich ist es erlaubt, Ferkel bis zu einem Alter von sieben Tagen ohne Betäubung zu kastrieren. Ein Martyrium für die wehrlosen Jungtiere! Der Österreichische Tierschutzverein klärt auf.

Ferkelkastration ohne Betäubung

Das österreichische Tierschutzgesetz untersagt es, Tieren unnötige oder ungerechtfertigte Schmerzen zuzufügen – eigentlich. So steht die entsprechende Verordnung zur Ferkelkastration leider immer noch in blankem Widerspruch zu diesem Verbot.

Hoden mit Quetschzange entfernt

Bis zu einem Alter von sieben Tagen dürfen Landwirte ihre Ferkel ohne Betäubung kastrieren. Um die Kleinen an der Flucht zu hindern, werden sie mit Hilfe eines speziellen Gerätes fixiert oder einfach festgehalten. Im Anschluss werden der Samenstrang durchtrennt und die Hoden mittels Skalpell oder Quetschzange entfernt. Die gerade erst geborenen Ferkel durchleben dabei Höllenqualen. Der Schmerz ist für Menschen in etwa mit dem Ziehen der Weisheitszähne vergleichbar – ohne Spritze, versteht sich!

Glückliche Ferkel
Betäubungslose Ferkelkastration: Gerade erst auf der Welt, werden die Tiere bereits extremen Qualen ausgesetzt.

Viele Tiere sind traumatisiert

In der Woche nach dem brutalen Eingriff leiden die Tiere weiter. Sie haben entsetzliche Schmerzen, viele sind durch die leidvolle Erfahrung traumatisiert, gehen nur noch gebückt, können nicht aufhören zu zittern. Andere zucken zwanghaft mit dem Schwanz und/oder entwickeln eine Wachstumsdepression.

Ferkel-Qual: Wozu das alles?

Männliche Ferkel werden vorwiegend deshalb kastriert, weil ihr Fleisch dann nicht nach dem sogenannten „Ebergeruch“ riecht oder schmeckt. Für den besagten Geruch sind die Stoffe Androstenon (ein Sexualhormon, das mit Eintritt der Geschlechtsreife in den Hoden produziert wird) und Skatol (ein Abbauprodukt von Dickdarmbakterien) verantwortlich. Einzig aus diesem Grund müssen Ferkel das Martyrium der betäubungslosen Kastration über sich ergehen lassen – obwohl man die Geruchsbildung auch schmerzlos unterdrücken könnte!

Produzenten sparen drei Cent pro Schnitzel

Heutzutage stehen mehrere Alternativen zur betäubungslosen Kastration und damit auch zur Unterdrückung des „Ebergeruchs“ zur Verfügung. Die bestbewährten Verfahren sind:

  • Die chirurgische Kastration: Bei der chirurgischen Kastration erhalten die Ferkel eine angemessene Schmerzbehandlung mittels Vollnarkose. Diese darf nur von einem Tierarzt durchgeführt werden und ist vielen Schweinefleischproduzenten daher zu aufwändig.
  • Die Immunokastration: Bei der Immunokastration erhält das Schwein in der vierten Lebenswoche die erste und sechs Wochen vor der Schlachtung eine zweite Impfung. Durch den Impfstoff wird die Bildung des Hormons Skatol unterdrückt, das für den typischen „Ebergeruch“ verantwortlich ist.
  • Die Ebermast: Bei der sogenannten Ebermast wird auf das Kastrieren verzichtet, gemästet werden gewöhnliche unkastrierte Jungeber. Dabei weisen die Eber oft ein vermehrtes Aggressionsverhalten auf, was Landwirte vor höhere Anforderungen an Haltung und Organisation stellt. In Großbritannien, Teilen Spaniens, Portugals und Deutschlands wird von diesem Verfahren jedoch bereits erfolgreich Gebrauch gemacht. Der „Ebergeruch“ könnte durch spezielle Fütterung und Züchtung langfristig minimiert werden. Die Ebermast ist – aus Tierschutzsicht – die am wenigsten umstrittene Option, da Schmerzen sowie psychische Belastungen durch die Kastration zur Gänze wegfallen.

All diese Alternativen – vor allem die Immunokastration und die Ebermast – könnten den Schweinen die schreckliche Qual der betäubungslosen Kastration ersparen. Leider werden diese Optionen nur selten in Betracht gezogen, da sie geringe Mehrkosten für die Betreiber verursachen (ca. drei Cent pro Schnitzel!).

Ferkel und Schweine werden oft auf Vollspaltenböden gehalten.
Neben der betäubungslosen Kastration gibt es noch viele weitere Missstände in der Schweinehaltung.

Gravierende Missstände in der Massenhaltung von Schweinen

Die Tiere leben in eigenen Exkrementen:

Um sich den Aufwand des Stallausmistens zu ersparen, halten viele Schweinefleischproduzenten ihre Tiere auf harten Vollspaltenböden. Auf diesen leben die Schweine praktisch ohne Liegefläche in ihren eigenen Exkrementen, was ihrem natürlichen Verhalten grundlegend widerspricht. Zudem resultieren aus dieser Haltungsform häufig Atemwegserkrankungen. Auch auf das Einstreuen von Stroh wird dabei verzichtet, da es die Bodenspalten möglicherweise verstopfen könnte. So fehlt den Tieren jegliche Möglichkeit, sich bequem hinzulegen oder sich selbst zu beschäftigen.

Ferkel und Schweine aus Massentierhaltung
Ein Leben in den eigenen Exkrementen: Viele Schweine erleiden dadurch Atemwegserkrankungen.

Ferkeln wird in den ersten Tagen der Schwanz abgeschnitten:

Neugeborenen Ferkeln wird in den ersten Tagen der halbe Schwanz entfernt. Das soll die Tiere daran hindern, ihn sich gegenseitig aus Langeweile und Reizarmut abzubeißen. Bei artgerechter Haltung wäre dieser Schritt vollkommen überflüssig – dann könnten die Schweine nämlich den ganzen Tag über im Stroh bzw. in der Erde wühlen, wie es ihrem natürlichen Verhalten entspricht – und an Langeweile wäre gar nicht zu denken.

Liebevolle Interaktion zwischen Muttertier und Ferkel wird unterbunden:

Das Muttertier – die sogenannte „Zuchtsau“ – wird nach der Geburt in einen Kastenstand gesperrt. Diese winzigen, körperengen Käfige hindern die Muttersau daran, sich zu bewegen – sie kann sich nicht einmal umdrehen. Zwar können die Kleinen durch das Metallgitter des Kastenstands an die Zitzen ihrer Mutter gelangen, jedoch ist diese körperlich so eingeschränkt, dass sie nicht imstande ist, liebevoll mit ihren Ferkeln zu interagieren. Erst 2033 soll dieser Missstand von Gesetzeswegen verboten werden!

Die Ferkel selbst werden bereits mit offenen Augen und Ohren geboren und sind schon wenige Minuten nach der Geburt imstande zu laufen. In der artgerechten Tierhaltung bleiben die Kleinen bis zum Alter von circa drei Monaten bei ihren Müttern, an die sie stark gebunden sind. Verirrt sich eines der Kleinen, ruft es beispielsweise nach seiner Mutter. In der Intensivhaltung werden Ferkel und Sau bereits nach drei bis fünf Wochen getrennt – und leiden entsetzlich unter dem plötzlichen Verlust.

Glückliche Ferkel mit ihrer Mutter
Von Zärtlichkeiten zwischen Muttertier und Ferkel können die meisten Schweine aus Intensivhaltung nur träumen.

Viele Schweine sehen nie das Tageslicht:

Die meisten Schweine aus Intensivhaltung erleben nie das Tageslicht. Sie kommen nie ins Freie und kennen keinerlei Auslauf.

Viele Ferkel kennen kein Tageslicht
Schweine aus Intensivhaltung kennen weder Auslauf noch Tageslicht.

Die Tiere leiden unter massivem Platzmangel:

Das Gesetz schreibt vor, dass ein ausgewachsenes Mastschwein von etwa 110 Kilogramm Körpergewicht mindestens 0,7 Quadratmeter Platz zur Verfügung haben muss. So leiden die Tiere in den meisten Betrieben unter massivem Platzmangel und verbringen ihr Leben dichtgedrängt, ohne jegliche Möglichkeit, sich auch nur hinzulegen.

„Zuchtsäue“ werden wie Gebärmaschinen behandelt:

Muttersäue werden so oft künstlich befruchtet, dass sie zwei- bis dreimal im Jahr Ferkel gebären. Erstmals werden sie im Alter von sieben Monaten besamt und in einen Einzelkäfig gesperrt, wo sie mindestens vier Wochen lang ausharren müssen – laut Industrie steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Schwangerschaft bestehen bleibt. Rund eine Woche vor dem Geburtstermin kommt das Muttertier in einen „Abferkelstall“ bzw. „Abferkelkäfig“, wo es zehn bis 16 Ferkel wirft und diese drei bis vier Wochen säugt. Dann werden die Ferkel von der Mutter getrennt. Im Anschluss wird die Sau meist sofort wieder ins Deckzentrum gebracht, um den nächsten „Produktionszyklus“ einzuleiten. Nach wenigen Jahren sind die meisten Tiere nicht mehr in der Lage, die erwünschte Menge von dreißig Ferkeln pro Jahr zu „liefern“. Dann werden sie geschlachtet. Der Großteil der Säue übersteht dieses schreckliche Dasein also nur wenige Jahre, obwohl die natürliche Lebenserwartung der Tiere eigentlich sehr viel höher ist.

Ferkel und Zuchtsau im Kastenstand
Eingepfercht und ausgebeutet: Muttertier im sogenannten „Kastenstand“. / Quelle: Shutterstock

Das können Sie als Verbraucher tun

Ideal wäre es natürlich, einen möglichst vegetarischen bzw. sogar veganen Lebensstil zu pflegen. Für viele Menschen kommt eine solche Veränderung aber aus unterschiedlichen Gründen nicht infrage. Deshalb empfehlen wir Liebhabern von (Schweine-)Fleisch:

  • Weniger ist mehr: Reduzieren Sie nach Möglichkeit Ihren persönlichen Konsum von Fleisch- und Milchprodukten sowie Eiern. Genießen sie Tierprodukte lieber seltener und dafür in besserer Qualität. Das kommt sowohl den Tieren als auch Ihrer Gesundheit zugute!
  • Entdecken Sie die pflanzliche Vielfalt: Ersetzen Sie Tierprodukte durch vegane Alternativen – es gibt so viele davon! Gerade heutzutage ist das Sortiment an pflanzlichen Produkten enorm.
  • Qualität vor Quantität: Kaufen Sie tierische Lebensmittel bitte ausschließlich aus tierfreundlicher Landwirtschaft. Unterstützen Sie die Bauern in Ihrer Umgebung, kaufen Sie regional und aus Freilandhaltung und legen Sie Wert auf das Tierschutz-Label. Beim Schweinefleischkauf empfehlen wir den Einkaufsratgeber „Augen auf beim Schweinefleischkauf“ der Initiative FairFerkel. Mit dessen Hilfe können sich Verbraucher darüber erkundigen, welche Ansprüche bzw. Kriterien die jeweiligen Produzenten bzw. Siegel und Marken erfüllen.