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Tönnies-Skandal: Massentierhaltung schadet Tier & Mensch

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Der Tönnies-Skandal wirft das Schlaglicht auf die Massentierhaltung.
Billigfleisch hat weitreichende Folgen für Tier und Mensch. | Quelle: pixabay/schlauschnacker

Mehr als 1.550 Corona-Fälle, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Druck auf Österreichs Bauern: Der Corona-Skandal um den deutschen Billigfleischriesen Tönnies hat ein Schlaglicht auf die Zustände der Fleischproduktion in Deutschland geworfen. Der Österreichische Tierschutzverein klärt auf. 

Ca. 1.550 Mitarbeiter des deutschen Fleischkonzerns Tönnies haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Das wurde Anfang der Woche bekannt. Die gesamte Belegschaft der Tönnies-Fabrik im Kreis Gütersloh (Nordrhein-Westfalen, Deutschland) steht unter Quarantäne. Tönnies ist der größte Schlachtbetrieb für Schweine in Deutschland und gehört zu den größten für Schweine und Rinder.

Auch in einem Wiesenhof-Geflügelschlachtbetrieb der PHW-Gruppe im Kreis Oldenburg (Niedersachsen, Deutschland) wurden bereits 23 von 50 Mitarbeitern positiv auf Covid-19 getestet. Das teilte das Unternehmen am Dienstag, 23. Juni, mit. Nun sollen alle 1.100 Beschäftigten des Schlachthofs auf Covid-19 getestet werden.

Tönnies ist der größte Schlachtbetrieb für Schweine in Deutschland. | Quelle: pixabay/aitoff

Das „System Fleisch“ in der Kritik

Wie viele Betriebe der modernen Massentierhaltung steht Tönnies bei Tierschützern seit Langem in der Kritik. Die Gründe:

  • Niedrige Tierschutzstandards: Der Fleischriese ist vor allem für sein Billigfleisch bekannt. Dementsprechend niedrig sind die Tierschutzstandards in den Erzeugerbetrieben. Die meisten Schweine aus Massentierhaltung werden im Alter von sechs Monaten geschlachtet – bis zu einem Fünftel der Tiere weist zu diesem Zeitpunkt bereits massive Organschäden auf. Dabei beträgt die eigentliche Lebenserwartung für Schweine bis zu 20 Jahre.
  • Ausbeuterische Arbeitspolitik: Neben dem Wohl der Tiere wirken sich die niedrigen Fleischpreise auch auf die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter aus. Wie viele Unternehmen auf dem Billigfleischsektor beschäftigt Tönnies größtenteils Mitarbeiter aus Osteuropa. Oft sprechen diese kein Deutsch oder Englisch, sind sich ihrer Rechte als Arbeitnehmer nicht bewusst oder haben keine Möglichkeit, diese einzufordern. Laut Medienberichten schuften die Arbeitnehmer zum Mindestlohn leisten massenhaft Überstunden. In und um die Stadt Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh leben offenbar 6.000 Schlachthof-Leiharbeiter in Sammelunterkünften – unter menschenunwürdigen Bedingungen. Medienberichten zufolge erhalten sie während der Zeit der Quarantäne keine Lohnfortzahlung.
  • Druck auf österreichische Bauern durch Billigimporte: Mitarbeiter österreichischer Fleischereibetriebe verdienen fast das Doppelte eines Tönnies-Mitarbeiters. Auch genießen deutsche Schlachthöfe steuerliche Begünstigungen bei den Energiekosten. Diese stellen den größten Kostenfaktor in der Fleischproduktion dar, weil die Waren ständig gekühlt werden müssen. Importiertes Billigfleisch aus Deutschland überschwemmt jedoch auch den österreichischen Markt und setzt die heimischen Bauern massiv unter (Preis-)Druck.
  • Qualität vor Quantität: Werden in Österreich jährlich fünf Millionen Schweine geschlachtet, sind es allein in der betroffenen Tönnies-Fabrik 15 Millionen! Dass diese Zahlen zulasten von Qualität, Tier- und Mitarbeiterwohl geht, ist selbstredend.

In der betroffenen Fabrik werden jährlich 15 Mio. Schweine geschlachtet. | Quelle: pixabay/draconianimages

Billigfleisch schadet Mensch und Tier

Das Billigfleisch von Tönnies überschwemmt auch den österreichischen Markt: In Tirol verarbeiteten die Supermarktkette MPreis und Handl Tyrol Fleisch des deutschen Großkonzerns. MPreis hat den Verkauf mittlerweile gestoppt.

Bislang gibt es zwar keine Fälle, in denen das Covid-19-Virus vom Fleisch auf den Menschen übergegangen ist – denn um sich zu verbreiten, benötigt das Virus einen lebenden Wirt. Dennoch hat Billigfleisch zahlreiche negative Effekte auf die Gesundheit von Tier und Mensch:

  • Billigfleisch steckt voller Antibiotika und Stresshormone. Langfristig kann das zu einer gefährlichen Antibiotika-Resistenz führen.
  • Konsumenten von Billigfleisch nehmen Pannen bei der Fleischkühlung in Kauf – diese können v.a. bei Hackfleisch verheerende Auswirkungen haben.
  • Durch den Konsum von Billigfleisch wird die nicht artgerechte Haltung der Tiere von Vieh als Massenware unterstützt. Die Tiere stehen in engen Ställen auf Gittern und Spaltböden, sehen niemals Tageslicht, werden ohne Betäubung kastriert und tagelang im Lkw zum Schlachthof transportiert.
  • Mit dem Kauf von Billigfleisch unterstützen Konsumenten die Lohnausbeutung in der Fleischindustrie – und tragen zur Schwächung von Arbeitskräften auf dem Niedriglohnsektor bei.
  • Die Produktion von Billigfleisch hat fatale Auswirkungen auf die Umwelt. Durch den exzessiven Fleischkonsum der Bevölkerung werden viel Wasser und Anbaufläche verbraucht, zudem kommt es zu einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen (Methan).
  • Der Kauf von Billigfleisch fördert den Strukturwandel. Metzgereien und kleine Bauernhöfe sterben aus, riesige Fleischfabriken gewinnen die Oberhand.
Die meisten Schweine aus Massentierhaltung werden höchstens sechs Monate alt. | Quelle: pixabay/Hans

Die Verantwortung liegt auch beim Konsumenten

„Der Corona-Skandal um den Tönnies-Konzern steht stellvertretend für viele andere Missstände in der Fleischindustrie. Er zeigt einmal mehr: Hinter Billigfleisch steckt ein ausbeuterisches System, das zulasten der Tiere, Bauern, Mitarbeiter und unserer aller Gesundheit agiert“, sagt ÖTV-Geschäftsführerin Mag. Eva Malle. „Die Verantwortung liegt hier auch beim Konsumenten – und damit bei jedem von uns. Solange Billigfleisch weiterhin exzessiv konsumiert wird, werden die Unternehmen auf diese Nachfrage reagieren.“

JETZT ist der Zeitpunkt, um ein Zeichen gegen Massentierhaltung zu setzen:

  • Verzichten Sie auf Fleisch aus Massentierhaltung.
  • Essen Sie weniger Fleisch und Wurst, dafür jedoch bewusst.
  • Kaufen Sie regional und in Bio-Qualität. Orientieren Sie sich z.B. an unserem Ratgeber-Artikel für Lebensmittel-Siegel.
  • Fragen Sie beim Bauern in Ihrer Nähe nach. Viele regionale Bio-Bauern bieten Verkäufe ab Hof, bei denen Sie sich selbst vom Wohl der Tiere überzeugen können.
  • Köstliche und gesunde fleischlose Rezepte finden Sie auch im Kochbuch „Genuss für Tierfreunde“ des Österreichischen Tierschutzvereins.

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